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Doppelte dicke Mutter mit Spinnenkind

Ein poetischer oder sachlicher Werktitel?

Auf dem entsprechenden Werk hält eine aufgeblähte Mutter ein dünnes Kind auf ihrer Brust. Diese Mutterfigur wirkt nicht nur deformiert und körperlich stark belastet, sondern gleichzeitig in sich ruhend und kraftvoll. Eine Ambivalenz, die sich auch bei längerer Betrachtung nicht lösen lässt und die besondere Dramatik dieses Werkes ausmacht.

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In direkter Hinsicht scheint nicht nur der Mutterkörper in sich selbst verdoppelt, er ist auch doppelt gemalt wurden – eine Rhetorik, die Heumanns Werkserie Mehrfachinhalt ausmacht. Die Wiederholung der Bildprotagonisten, oft Menschen und Pferde, erinnert an Warhols Serigrafie oder an das Triptychon Schwarz-Rot-Gold ihres einstigen Lehrers Markus Lüpertz. Doch an Stelle einer Serienproduktion setzt Heumann ihre Wiederholungen auf die gleiche Leinwand, in den gleichen Bildraum. Diese visuelle Rhetorik ist sowohl an den Betrachter als auch an die Malerin selbst gerichtet. Indem sie ein Motiv mehrmals ausformuliert und in direktem Vergleich nebeneinander platziert, entsteht ein Wettbewerb mit sich selbst. Welche Wiederholung ist besser gelungen? Wie spornt mich die erste Variation an? Wo liegen die Unterschiede und was kommunizieren sie? Der Betrachter hingegen findet durch die Doppelung zunächst eine Unterstreichung des Erkennbaren, eine Betonung der Hauptaussage. Doch dabei bleibt es nicht. Nach und nach löst sich das wiederholte Element von seiner vorherigen Rolle als zentrales Motiv und entfaltet sich durch seine Reihung nach rechts und links, nach oben und unten, zur Bildlandschaft.  

Die narrativen Inhalte, wie beispielsweise die bildlichen Referenzen zur Kunstgeschichte, wie Le pêcheur von Édouard Manet, La conversione di San Paolo von Michelangelo Merisi da Caravaggio oder der Topos vom heroischen und kriegerischen Reiters, treten hinter die autonome Absicht der Malerei zurück. Die Rhetorik der Wiederholung sagt: Es gibt keine Hauptfigur und somit auch keine zentrale Narration. Heumanns Malerei löst sich von der erzählenden Ebene in die rein malerische auf, ohne dabei völlig abstrakt zu werden.

Die Bildräume entstehen aus Tarnmustern oder aus geometrischen Konstruktionen, die sich mal unter dem dichten Farbteppich durchdrücken, mal als deutlich luftigere Raumaufteilung im Vordergrund stehen. In ihnen laufen schemenhafte Pferde den Bildraum ab, auf Malte-Ser-Serie wird Manets pêcheur von schwimmenden Drachen umzingelt, die sich zaghaft durch ihre Kontur aus dem kubenhaften Raum lösen. Andere Werke zeigen konkrete surrealistische Bildräume, wie einen Horizont aus zwei großen Tropfen (Autotropfen) oder einen Himmel aus der Vogelperspektive auf eine Straße mit einem Auto (Doppelter Monsieur Pivot unter Karossenfront). Die Rhetorik der Wiederholung gliedert sich in die surrealistische, dadaistische Collagetechnik des Bildraumes. Poetisch oder Sachlich? Sachlich malerisch und poetisch sachlich sind Heumanns Bilder zu verstehen. Die dicke Mutter ist eine dicke Mutter, die Doppelung ist Malerei.

Von Larissa Kikol
Larissa Kikol (1986*) ist promovierte Kunstwissenschaftlerin und arbeitet als freie Kunstkritikerin.